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VON ERSCHÖPFTEM CHIC UND REIZENDEN BEZÜGEN

 

Verehrte Exzentrik

Guccis Herbst/Winter 2013 Kampagne: Abbey Lee Kershaw posiert auf einer schwarzen Ledercouch vor dunkelblauem Hintergrund. Ihr Haar ist schwarz gefärbt und streng nach hinten gegelt. Die blonden Augenbrauen heben sich kaum von ihrer blassen Haut ab. Ihre Augen sind stechend blau, ihre Lippen blutrot, ihre Backenknochen irreal kantig. Die schuppig-schimmernden, engen, schwarzen Kleider gleichen Amphibienhäuten und Abbey Lee ähnelt kaum noch einem Menschen. Basierend auf diesen Fotografien malte ich eine Reihe von Porträts, Vorläufer meiner aktuellen Arbeiten.

 

Die Ambivalenz und das Uneindeutige ziehen mich an. Ich beobachte Anmut im Andersartigen, habe ein Faible für das Dunkle und Morbide. Die Vergänglichkeit der Schönheit und die mit ihrem Erhalt verbundenen Überschreitungen faszinieren und irritieren mich.

Dorian Gray tauscht seine Seele gegen zeitlose Schönheit. Der Legende nach badete die ungarische Gräfin Erzsébet Báthory für beständige Attraktivität im Blut von Jungfrauen. In Nicolas Winding Refns Film The Neon Demon sind es Mannequins, die sich ihrer jüngeren, erfolgreicheren Konkurrentin entledigen. Nach dem Bad erstrahlen sie wieder in ihrem extravaganten Glanz.  

Es sind der eigene, fast befremdliche Look der Models, ihre Art und Weise sich in verrenkten Posen vor der Kamera zu inszenieren und mit mürrisch-ernster Miene über den Catwalk zu laufen, die mich bannen. Sie sind Sinnbild von Schönheit und Jugend, aber verkörpern diese nicht im herkömmlichen Sinn. Ihre Wangen sind eingefallen, ihre Augenhöhlen tief, ihre Körper androgyn. Sie tragen Buzz Cuts und Tattoos, sind weder klar Frau noch Mann.

Modetheoretikerin Barbara Vinken setzt sie in Relation mit den asketisch-mageren,
elegant-erhabenen Dandys. Der gängigen Rolle des Mannes entsagend, führten diese ein Leben im Sinne der Mode und Ästhetik. Sie perfektionierten die Selbstinszenierung und frönten der Erhaltung des schönen Scheins.1

Die Protagonisten in Hernan Bas Malereien sind von Dandys inspiriert. Seine Boys in Shirts und Shorts sind so knabenhaft schön, wie sie dekadent und fragil anmuten. Ich verliere mich mit ihnen in den abstrahierten Landschaften und Räumen, fühle mich gleichzeitig unwohl sie anzusehen, so in sich gekehrt, verträumt und zurückgezogen in ihre eigenen Welten, wie sie sind.

Chantal Joffe entledigt sich dieser Träumerei. Ihre locker gemalten, teils riesigen Porträts und Ganzkörperansichten, an Modefotografien angelehnt, verunsichern mich. Die Köpfe sind überproportional groß, die Gesichter verschoben, die Augen vermalen und die Münder verformt. Joffe gräbt tief hinein, nimmt alle Masken ab und trägt neue auf.

„Under this mask, another mask. I will never be finished removing all these faces”2, schrieb Claude Cahun. Sie nahm sich die unendliche Freiheit, alles und jede/r sein zu können, bevor das überhaupt möglich war. Jahrzehnte vor den vielen jungen Menschen, die ihre Identität und Zugehörigkeit durch Selbstporträts erforschen und für fluide Identitätskonzepte plädieren, brach sie mit allen Normen und entwickelte verschiedenste Charaktere für sich.

 

Unfassbare Wesen

Die Personen, an die meine Porträts angelehnt sind, sind ebenso wenig fassbar für mich. Michelle Gurevichs Song Party Girl ist eine Hommage an sie. Anne Imhofs Performances sind ihre Bühne. Demna Gvasalia schickt sie über seine Catwalks. Alexander Wang macht sie zu seinem Squad3. Stef Mitchell und Collier Schorr setzen sie fotografisch in Szene, Elizabeth Peyton und Karen Kilimnik malerisch.

Dem Kosmos der Models, Musiker_innen, It-Girls und It-Boys entstammend, sind sie in ein konstantes Spiel mit der Fassade und ewiger Schauspielerei verwickelt. Sie haben tausend Gesichter und könnten alles und jede/r sein.

Ich entwerfe sie neu in Malerei und Zeichnung, lasse sie isoliert in leeren Räumen posieren. Sie kommunizieren mit den Betrachter_innen oder verschließen sich, erscheinen unnahbar und in sich gekehrt. Eine Mischung aus Arroganz, Resignation und Langeweile verbindet sie.

Sie sind von ambivalenter Natur, wirken schön und anziehend, gleichzeitig befremdlich und sonderbar. Ihre Proportionen sind nicht korrekt. Einzelne Körperteile sind abgewandelt und bearbeitet, ihre Häute modifiziert, eingefärbt und markiert. Modische Kleidung umhüllt die mageren, androgynen Figuren. Stoffe geben und formen Körper. Schichten werden auf- und abgetragen. Gestische Malerei steht grafischen Linien und monochromen Flächen gegenüber. Malerei verbindet sich mit Zeichnung. Materialität spielt eine Rolle, ebenso Farbe und Kontrast.

 

Erweiterte Hüllen

Das Verhältnis zwischen Haut und Kleidung, das Auflösen und Verwischen ihrer Grenzen interessiert mich. Wir tragen Stoffe, die die Haut bedecken, aber nicht verstecken. Haut wird in Form von Leder als Kleidung übergezogen. Flexible Materialien, nahe am Körper getragen, ersetzen optisch die Haut.

Kleidung ist Haut, die übergestreift, abgezogen und durch andere ersetzt wird. Sich anziehen bedeutet den Körper Schicht für Schicht zu abstrahieren, zu erweitern und zu verformen. Durch Kleider werden bestimmte Teile verhüllt, einige mehrlagig, andere selten bis häufig gar nicht. Neben Stoffen wird Haut mit Tätowierungen verkleidet. Die Pigmente sitzen unter ihr, wandeln sie aber auch äußerlich ab. Ich sehe sie als weitere Komponente im Spiel der Schichten.

Mein Großvater hatte Haut wie Frischhaltefolie. Sie war dünn, transparent, löste sich seltsam ab. Ein Bild, das in mir zwischen Faszination und Ekel changiert.

Buffalo Bill näht sich in Das Schweigen der Lämmer ein Kleid aus Frauenhäuten.

In Pedro Almodóvars Die Haut, in der ich wohne wird Kleidung zu Haut. Ein helles, nasses
T-Shirt verbindet sich mit dem Rücken des Trägers. OP-Handschuhe verschmelzen mit Händen. Straff am Körper sitzende Kompressionsanzüge werden wie eine zweite Haut getragen.

In beiden Filmen gehen Haut und Kleid mit einer sich verändernden Identität einher.

Kleidung hat, wie Haut, die Funktion eines Identitätsträgers. Sie ist die Haut, die wir nach Belieben frei wählen, mit der wir bewusst oder unbewusst vorgeben, wie wir von anderen wahrgenommen und gelesen werden wollen. Dabei geht es nicht um die Schönheit des Kleidungsstückes an sich. Kleidung ist selten schön. Sie hat den Anspruch darauf verloren. Vielmehr geht es um Normcore und Anti-Mode, um Fadesse mit Pepp, sich selbst nicht ganz ernst nehmen, aber cool sein. Designer spielen mit Hässlichkeit und dem schlechten Geschmack. Junge Frauen kleiden sich wie ältere Männer oder Buben. Adidas-Trainingsanzüge und Tennissocken sind die neuen Key-Pieces, grässliche Schuhe der letzte Schrei. Plakativ werden wieder Logos und Statements auf Shirts, Jacken und Co. getragen. Gucci. Vetements. We should all be feminists4. Sofort ist klar, wer man ist, aber nicht für lange, denn jede Saison gibt es neue Trends, neue Must-Haves, neue Identitäten.

 

Reizende Kreationen

An Kleidung interessiert mich die Frage nach der Trägerin/dem Träger und nach der Kraft des unbelebten Stoffes, wenn er keine Körper umschließt. Resultat dieser Auseinandersetzung sind kleidungsähnliche Objekte aus Folie, Tape, Bioplastik und Latex.

Die Kleider sind farblos-transparent, über lieblich-rosa bis opak-schwarz, formfest bis weich-elastisch, glänzend bis matt. Auf den ersten Blick wirken sie schön und betörend. Man möchte sie berühren, vielleicht sogar tragen. Genauer betrachtet erkennt man ihre Fragilität und Kurzlebigkeit. Subtile Brutalität und ein gewisser Ekel schwingen mit, wenn Latex hautähnliche Falten aufweist, Bioplastik an gegerbte Haut erinnert, die schöne rosa Folie Gebrauchsspuren erkennen lässt und man sich vorstellt, wie Stecknadeln und Tackerklammern den Körper an unangenehmen Stellen reizen, wie die Haut mit den Materialen reagiert.

Ich installiere die Objekte vom Körper losgelöst, vereinzelt in Kombination mit gezeichneten Porträts oder Körperfragmenten, mittels gefundener Gegenstände, durch die auf reale Körper oder auf gängige Präsentationsformen von Kleidung verwiesen wird.

 

Meine Arbeiten sind einzeln und als ein Ganzes zu betrachten – als voneinander unabhängige Porträts und Installationen – und als Raum, in dem sich alles zusammenfügt, sich neue Zugänge ergeben, Verweise erklären und Erzählungen bilden.

Ich gebe den Betrachter_innen Einblick in eine Welt, von der ich selbst nicht viel weiß, an der mich die bloße Vorstellung reizt. Die Fassade besticht. Die Neugierde, was und wer hinter ihr steckt, animiert nachzuforschen und die Schichten abzutragen. Zugleich besteht die Furcht vor Desillusionierung im Falle der kompletten Klarheit. Die Exotik und die Erregung des Nichtwissens machen schließlich die Magie aus und geben das Identifikationspotential, aus dem die Euphorie resultiert. Diese ist Motor für meine Arbeit.

 

 

Quellen
1               vgl. Vinken, Barbara: Angezogen – Das Geheimnis der Mode, achte Auflage, Regensburg: Klett-Cotta, 2014, S. 93, 87f
2               Cahun, Claude: Aveux non avenus, 1929-1930, zit. nach Howgate, Sarah: Gillian Wearing & Claude Cahun – Behind the mask, another mask, London: National Portrait Gallery Publications, 2017, S.6
3               Die elitäre Gruppe um den amerikanischen Modedesigner Alexander Wang, bestehend aus angesagten Models, Musiker_innen, Stars etc., die für seine Kampagnen abgelichtet werden und auf seinen Catwalks laufen.  http://www.refinery29.de/2017/01/135484/wang-squad, 11.02.2018
4               T-Shirt Aufdruck, Dior, Frühling/Sommer 2017, inspiriert von Adichie, Chimamanda Ngozi: We should all be feminists, 2014, http://www.elle.com/fashion/news/a43431/dior-we-should-all-be-feminists-shirt-rihanna-charity/, 05.02.2018